Hyperemesis Gravidarum: eine Schwangerschaft durchleiden + Tipps für Betroffene

Zwei kleine Wörter kritzelte eine Ärztin in das Heftchen, nachdem ich an einem Samstag Vormittag drei Stunden in der Notfallambulanz gewartet hatte. Der Tiefpunkt war erreicht, ich konnte einfach nicht mehr, aber immerhin hatte der Zustand nun einen Namen. „hyperemesis gravidarum“.

Schwangersein und Übelkeit gehören wohl zusammen?

Aber der Reihe nach. In der siebten Schwangerschaftswoche besuchte ich das erste Mal meinen Frauenarzt, weil ich schon seit 2 Wochen wusste, dass ich schwanger war und wir schauen wollten, ob alles gut ist. 6+2.

Natürlich klopfte mein Herz vor Aufregung, als ich bestätigt bekam, dass in meinem Bauch ein kleines Herzchen vor sich her blubberte und natürlich war ich noch aufgeregter, als ich gleich nach dem Termin meiner Mama eine SMS schickte „Du wirst wieder Oma.“ (Meine Schwester hatte bereits eine Tochter.) Was für ein aufregender Moment!

Ich weihte auch sofort alle Freunde ein, obwohl die ersten 12 Wochen noch nicht überstanden waren. Überhaupt machte ich normal weiter und fuhr Ende der Semesterferien 2012 noch mit meiner Freundin A. nach Holland, wo wir einen Freund besuchten und uns Amsterdam ansehen wollten. Hier wurde mir das erste Mal morgens schlecht. „Alles klar“, dachte ich. Davon hatte man ja gehört. „Hallo Schwangerschaftsübelkeit.“

Ist das normal oder schon krankhaft?

Zurück aus dem Urlaub erreichte die Morgenübelkeit völlig neue Dimensionen. Ich übergab mich nicht nur morgens, sondern auch mittags und abends. Immer und immer und immer wieder. Es war eklig und unfassbar anstrengend und mein Frauenarzt verschrieb mir erstmal Vomex A. Er war zuversichtlich, dass es besser wird.

Zu Spitzenzeiten übergab ich mich alle 20 Minuten.

Ich lag vor dem Fernseher und ließ die Staffeln Friends immer wieder durchlaufen. Nach dem Erbrechen beruhigte sich die Übelkeit und klang etwas ab, aber in rasender Geschwindkeit nahm sie dann auch schon wieder zu, bis ich mich neu übergeben musste. Wieder schleppte ich mich zum Bad, spülte dort den Blech-Brech-Eimer aus und kehrte zum Sofa zurück.

Schwangerschaftsübelkeit: Wann wird es besser?

Es gab wenige Tage, an denen ich morgens aufwachte, und meinen Alltag ganz gut bestreiten konnte. Dann machte die Übelkeit Pause, solange ich nicht auf die Idee kam, etwas zu essen und Flüssigkeit gelang auch nur in winzigen Mengen über meine Lippen.

Meine Mama und meine Schwester bestätigten mir, dass ihnen auch eine Woche lang richtig übel gewesen war, aber dass es dann besser wurde. Ich hielt also tapfer die erste Woche durch, dann die zweite Woche. Mein Arzt verschrieb mir MCP-Tropfen, die es heute nicht mehr für Schwanger gibt, ich versuchte Fenchel und Ingwer, Fishermens Friends, Cola, Zitrusfrüchte, Gummis ums Handgelenk, Akupunktur und so weiter und so fort – ohne Erfolg.

Und dann bekam die Übelkeit einen neuen Namen: Hyperemesis Gravidarum

In der 12ten Schwangerschaftswoche saß ich nun also vor der Ärztin im Krankenhaus. Sie fragte, was ich heute schon gegessen habe. „Zwei Stück Mandarinen, aber sie sind nicht drin geblieben.“ Wie oft ich mich übergebe? „Ich bin seit drei Stunden hier und habe mich zweimal übergeben“, sagte ich.

Mein Gewichtsverlauf zeigte eine Gerade nach unten. Bei 68 kg gestartet, wog ich inzwischen noch 58 kg. Seit den beiden Messungen waren gerade einmal 4 Wochen vergangen und die Gerade nach unten zeigte sehr deutlich den gesamten Verlauf der Schwangerschaft an. Es ging nur immer weiter nach unten.

Aufpeppeln im Krankenhaus

Im Krankenhaus ging die Gefühls-Kurve der Schwangerschaft wieder nach oben, denn man peppelte mich mit Infusionen wieder auf. Seit 4 Wochen hatte ich gefühlt gar nichts gegessen und konnte nun endlich wieder kauen, schlucken und das Essen drin behalten. Es schmeckte alles so verdammt köstlich im Krankenhaus!

Wann hört die Übelkeit in der Schwangerschaft auf?

Nach dem Krankenhausbesuch war vor dem Krankenhausbesuch. Obwohl die ersten drei Monate verstrichen waren, kam mein Körper einfach nicht auf die Hormone klar und ich spuckte erneut alles aus, was den Weg in mein Inneres gefunden hatte.

Mit zunehmender Schwangerschaft nahmen zum Glück die „guten“ Tage zu und ich musste nicht mehr jeden Tag leiden. So konnten wir einen Monat vor Geburtstermin sogar noch heiraten und die Hochzeitstorte wurde genussvoll von mir gegessen. Trotzdem zog sich die Hyperemesis Gravidarum bis zum Ende hin durch und blieb ein bedrohlicher Teil der Schwangerschaft.

Ich merkte in der Regel schon morgens, wenn der Tag nichts Gutes bringen würde. Wenn der Tag über der Kloschüssel begann, erwartete mich bis zum Abend auch nichts anderes mehr.

Was ist Hyperemesis gravidarum?

Eine unter dieser Krankheit leidende Frau muss sich zwischen 5 und 50 mal am Tag übergeben und kann zeitweise weder feste Nahrung noch Flüssigkeit bei sich behalten. Diese extremen Übelkeitsattacken ziehen sich häufig über Stunden und enden meistens mit der völligen Erschöpfung der Frau.

Es ist nicht verwunderlich, dass viele Frauen in dieser Situation Depressionen bekommen und sogar über den Abbruch der Schwangerschaft nachdenken. 

Was sagte die Hebamme?

Da ich mein erstes Kind bekam, wollte ich alles richtig machen und ging bei der Caritas zu einer Schwangerschaftsberatung – nicht ohne mich vorher noch auf dem Weg dahin im Park zu übergeben (PEINLICH!). Dort machte ich einen Termin in einer Hebammensprechstunde.

Die Hebamme nahm sich auch tatsächlich viel Zeit für mich, anders als ich es von meinem Arzt gewohnt war. Allerdings erklärte sie sich die Übelkeit einfach mit Stress. Ich würde zu viel machen (Studieren, Arbeiten) und mein Körper lege mich daher schonmal lahm, denn mit Baby ginge es in dem Takt auch nicht weiter.

Ich wurde mit dieser Erklärung überhaupt nicht warm. Ich hatte mein Ehrenamt niedergelegt, schrieb nicht mehr fürs Onlinemagazin der Uni, hatte auch das Theaterspielen aufgegeben und mich vom Volleyball abgemeldet. Natürlich blieben meine Nebenjobs und mein Studium, aber damit fühlte ich mich im Grunde ganz entspannt – wenn nur diese Übelkeit und das Erbrechen nicht wären.

Am Ende verschrieb sie mir homöopathische Kügelchen, die nicht halfen, und Tee, der nicht wirkte.

Wird es mit der zweiten Schwangerschaft besser?

Ich ließ mich recht schnell auf eine neue Schwangerschaft ein, als Maxi 8 Monate alt war. Allerdings fand die Krankheit ebenso schnell wieder zu uns, wie ich schwanger geworden war. Ich hatte wirklich Angst vor dem erneuten Leid. 9 Monate sind ewig lang! Zum Glück entdeckte ich ein neues Medikament, das mir Linderung verschaffte.

Was hilft bei Hyperemesis Gravidarum?

Die Auswirkungen der Hormone, die bei einer Schwangerschaft freigesetzt werden, sind grundverschieden. Letztlich kann ich nur festhalten, was mir und nur mir in der Situation etwas geholfen hat:

  • Das belgische Medikament Agyrax
  • Cola
  • Fishermens Friends
  • Schokolade
  • Infusion im Krankenhaus

Agyrax ist ein Geheimtipp aus dem Internet, der von vielen Betroffenen eingenommen wird. Einigen hilft es gut, anderen gar nicht. Bei mir war es die Mitte: Es ging mir zumindest besser. Trotzdem übergab ich mich auch in der zweiten Schwangerschaft bis zum Ende hin – das letzte Mal bei 41+1 im Kreissaal.

Es sollte etwas passieren!

Das Schlimmste an Hyperemesis Gravidarum ist, dass man völlig alleine gelassen wird. Zumindest kam es mir über weite Strecken so vor, denn mein Arzt wusste wie es mir geht und ich hatte auch einer Hebamme mein Leid geklagt. Warum verschreibt man da nur Tee und
Nausema? Müssen Schwangere da einfach durch? Echt jetzt?

Auf öffentlichen Toiletten klopften Leute gegen meine Tür und fragten, ob alles in Ordnung sei. „Ja, ich bin nur schwanger“, gab ich zurück. Gemeint habe ich: „Nein, ich sterbe. Aber ich weiß nicht, wie ich mir helfen kann.“

Ärzte sollten eher handeln

Hyperemesis Gravidarum sollte als Krankheit viel eher erkannt und auch benannt werden. Bis zu der kleinen Notiz in meinem Mutterheft sprach ich nur von „Schwangerschaftsübelkeit“ und wusste nicht, was los war. Bzw. schon: Ich war schwanger. Und Schwangerschaft ist keine Krankheit, oder?… Oft eben doch.

Mit Infusionen kann man wirklich viel erreichen; das lese ich immer wieder und es deckt sich mit meiner eigenen Erfahrung. Man sollte nicht warten, bis die Schwangere heulend im Wartezimmer sitzt, zusammenklappt oder 10 Kilo abnimmt – Man könnte schon vorher eingreifen. Wem nutzt es, wenn Schwangere tapfer Ingwer herunter und dann wieder herauswürgen? Sie brauchen ernsthaft Hilfe.

Was kann ich tun, wenn ich Hyperemesis Gravidarum habe?

Eines solltest du nicht: Durchhalten und abwarten. Du musst dich der Krankheit stellen, denn Hyperemesis Gravidarum wird dich über lange Zeit fest im Griff haben. Niemand würde einen Patienten 9 Monate lang ohne Hilfe unter Magen-Darm leiden lassen. Warum also Schwangere?

Wenn der Arzt nicht von alleine Hilfe anbietet, frage aktiv danach.

Probiere zudem alles mögliche aus, was dir Linderung verschaffen könnte. Bei mir schlug Agyrax an, anderen half schon Nausema oder Vomex A oder sie schwören einfach nur auf den Geruch von Zitrusfrüchten.

Wenn nichts deinen Zustand verbessert, lass dich ins Krankenhaus einweisen, denn dort wird dein Körper einmal komplett durchgecheckt, du erhältst Infusionen, Medikamente und täglich schaut jemand nach deinen Werten und deinem Befinden. Hier kannst du Kraft sammeln.

Ich wünsche allen Betroffenen viel Kraft! Habt ihr noch weitere Tipps für Schwangere, die unter Hyperemesis Gravidarum leiden?


7 Kommentare zu „Hyperemesis Gravidarum: eine Schwangerschaft durchleiden + Tipps für Betroffene

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  1. Liebe Nadine,
    Das klingt einfach nur furchtbar! Ich bin in der Regel ein Mensch, der schnell mit dem Magen auf unterschiedliche Situationen reagiert. Zum Glück wurde ich aber in beiden Schwangerschaften davon im großen und ganzen verschont. Deine 10 kg weniger sind tatsächlich eine Ansage und du hast völlig recht, auch als schwangere hast du das Recht auf medizinische Hilfe! Ich glaube an deiner Stelle hätte ich tatsächlich meinen Arzt gewechselt.
    Alles Liebe!
    Wioleta von http://www.busymama.de

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    1. Ich bin nicht wirklich auf die Idee gekommen, dass der Zustand so krankhaft ist. Mein Arzt hat mir Medikamente verschrieben oder es mit Akupunktur versucht… nur das war zu wenig. Rückblickend denke ich auch, er hätte mehr versuchen oder mich einfach ins Krankenhaus einweisen sollen. Ich kann deshalb nur anderen raten, sich aktiv Hilfe zu suchen – am besten bei mehreren Stellen.

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  2. Hallo,
    oh ja, da sprichst du ein Thema an… Ich hatte in der ersten Schwangerschaft HG. Über zwanzig Wochen lang war es die Hölle. Weder der FA noch die Hebamme haben erkannt, was los war. Obwohl ich mehrere Kilo an Gewicht verloren hatte und es mir tagtäglich einfach nur unglaublich dreckig ging. Es war die Hölle 😦 Ich wusste allerdings selbst nicht genau, was los war. Auf HG bin ich selbst erst nach mehreren Wochen gestoßen.
    Bei Kind 2 und 3 hatte ich die gesamte Schwangerschaft über tagtäglich „nur“ mit einer sehr starken Übelkeit zu kämpfen – das war dann wie ein Spaziergang im Gegensatz zur ersten Schwangerschaft…
    Liebe Grüße und danke für deinen Bericht!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deinen Kommentar. Das bestätigt meine eigene Erfahrung, dass es oftmals nicht erkannt oder unterschätzt wird, dabei sollte ein Arzt schon hellhörig werden, wenn eine Frau mehrere Kilos in der Schwangerschaft verliert und es ihr so schlecht geht…

      Gefällt 1 Person

  3. Ich bin grade schwanger und musste soooo oft an dich denken. In Woche 13 erhielt die Übelkeit Einzug. Ich habe sie immer noch (34. Woche). Ich arbeite im Lebensmitteleinzelhandel, das hat es nicht leichter gemacht. Beschäftigungsverbot bekam ich einfach nicht. (Ok am Ende immerhin ein Teilzeitbeschäftigungsverbot). So oft wie du musste ich mich nicht übergeben. Ich habe erstmal 7 kg abgenommen. Da ich aber eh übergewichtig bin, nahm das keiner als schlimm war. So oft wie du muss ich mich nicht übergeben, im Schnitt einmal am Tag. Schlecht ist mir öfter. Geholfen hat nichts (kein Nausema, Vomex, keine Akkupressur, Ingwer, Fencheltee, vor dem Aufstehen schon was Essen, etc etc).

    Das einzige, was es erträglicher gemacht hat war mein Galgenhumor (ich teile mein Essen in gut und schlecht kotzbar ein und lebe nur noch danach) und dass wenigstens mein Mann und meine Schwägerin (die selbst damit in der Schwangerschaft zu tun hatte) mich ernst nahmen und einfach mal bemitleidet haben.

    Denn meist hatte ich das Gefühl, dass ich nicht ernst genommen werde (ich hab ja eh genug Reserven, da wird es schon nicht so schlimm sein. Bzw ich bin ja schwanger, da ist das halt so. Oder ich bin ja jetzt so weit, so schlimm kann es ja nicht mehr sein).

    Ich hab inzwischen keine Kraft mehr, darüber zu diskutieren. Ich hab so viele Ärzte abtelefoniert, musste so viel auf der Arbeit diskutieren und kam auf so wenig Verständnis/Hilfe. Bzw Hilfe, die was bringt.

    Denn viele „raten“ einen was, was „sicher“ hilft. So, als würde ich es einfach nicht gut genug probieren. Oder „ja wenn du jetzt Pizza isst, kein Wunder!“ (ja, auch ich esse trotzdem mal Pizza. Es kommt eh ALLES raus, egal was ich esse, da möchte ich nicht unseren Gästen beim Essen zu sehen und Zwieback essen, der raus kommt).

    Inzwischen wird es etwas besser, aber ich bin ja auch im Mutterschutz. Alleine zu wissen, ich muss jetzt nicht trotz Übelkeit Lebensmittel verkaufen und dabei freundlich lächeln, nimmt Druck raus. Schlecht ist mir immer noch, übergeben muss ich mich auch noch, aber im Schnitt nur so alle 3-4 Tage mal und das ist schon gut!

    Also ich kann dich soooo gut verstehen und kann nur plädieren, „leidende“ Schwangere ernst zu nehmen. Bemitleidet sie einfach. Gebt keine „unnötigen“ Tipps. Und klar ist Schwangerschaft keine Krankheit, aber dieses Dauerkotzen ist auch nicht nichts! Einfach mal in den Arm nehmen und es zusammen doof finden hilft manchmal schon.

    Ich hoffe natürlich, die Maus lässt mich meinen Mutterschutz noch etwas genießen; trotzdem bin ich auch sooo froh, wenn es dann rum ist. Ich wollte immer unbedingt 2 Kinder (mein Mann nicht :D); aber so wie das bisher gelaufen ist… muss ich gucken, ob ich den Mut finde, das ich das eventuell noch mal durch stehe.

    Sorry für den langen Text! ^^*

    Liebe Grüße,
    EsistJuli

    Gefällt 1 Person

    1. Ich danke dir für den langen Text! Es macht mich richtig traurig, zu lesen, wie es dir geht und vor allem wie dein Umfeld reagiert. Ich fühle echt mit dir! Hoffentlich wird es jetzt zum Ende hin etwas besser und du kannst die Schwangerschaft mehr genießen. Und lass dir bloß nicht die Pizza vermiesen. Iss was geht und genieße sie 😉 Viele Grüße und gute Besserung.

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