Warum ich kein Homeoffice mag

Wie würde so ein Tag im Homeoffice wohl aussehen? Ich würde aufstehen, zum Laptop schlurfen, die Kaffeemaschine anwerfen und mir beim E-Mail checken am Küchentisch die Morgensonne auf die Nasenspitze scheinen lassen. Homeoffice – das Leben kann nicht mehr schöner werden! Keine Anfahrt zur Arbeit, kein Großraumbüro, sondern Jogginghose und Mittagsschlaf. Darauf haben alle gewartet – alle, außer ich.

Warum denn nicht?

Wie sieht so ein Tag im Homeoffice bei mir wirklich aus? Ich stelle den Wecker eine halbe Stunde eher, schleppe mich aus dem Bett, um den Rechner zu starten, denn er muss sich noch synchronisieren und das dauert seine Zeit. Dann gehe ich wieder ins Bett zurück, freue mich kurz, heute im Homeoffice zu sein, denn so kann ich länger schlafen.

Aber dann muss ich doch aufstehen und mich frisch machen. Im Anschluss laufe ich schlaftrunken in der Küche und damit an zahlreichen To-Dos vorbei: der Müll sollte mal rausgebracht werden, die Rechnung muss überwiesen werden, da hat jemand gekleckert und es nicht aufgewischt, die Formulare müssen ausgefüllt werden, Perlen liegen auf dem Fußboden und vorm Trockner steht ein voller Wäschekorb …

Mein Kopf ist schon voll, bevor ich überhaupt im Wohnzimmer vorm Laptop Platz genommen habe. Immerhin gibt´s jetzt Filterkaffee, ohne dass ich erst eine riesige Büromaschine entkalken muss. Ich nehme also auf dem harten Holzstuhl Platz (Ein Herz für meinen Bürostuhl!). Auf dem kleinen Laptopbildschirm gehe ich die E-Mails durch und zeitgleich fallen die Kinder aus den Betten. Ich höre es, aber die Bande lässt mich weitestgehend in Ruhe, weil morgens der Papa zuständig ist. Trotzdem bin ich mitten drin. „Los, anziehen!“ – „Nein!“ – „Doch.“ – „Nein, ich mach gar nichts!!“ – „Dann gibt´s am Wochenende auch kein Fernsehen!“ – usw. Hautnah bekomme ich den morgendlichen Kampf um Zähneputzen, Haare kämmen und Umziehen mit.

Um 7:20 Uhr verlässt meine Familie die Wohnung und ich bleibe zurück. Sie haben noch ein bisschen mehr Chaos hinterlassen, da steht noch Milch auf dem Tisch, die Schuhe wurden durch den Flur gekegelt, die Bettdecken liegen auf dem Boden. Und ich selbst lande immer wieder in der falschen Zeile. Meine Großstelltaste auf dem Laptop ist so klein, dass ich statt ihrer den Pfeil nach oben erwische und wahnsinnig werde. Was passiert hier? Ich habe keine Zeit, alles doppelt zu tippen.

Immerhin, die ersten Kolleginnen und Kollegen kommen virtuell hereinspaziert. Die Einsamkeit hat ein Ende, auch wenn ab jetzt mein Teams ununterbrochen blinkt und meine Aufmerksamkeit sucht. Neuer Chat, neue Aktivität. Guck mal hier!

Ich gucke aber nicht dort, sondern erstmal um mich herum. Ich lasse den Blick durchs Wohnzimmer schweifen: jemand hat vergessen, den Drucker abzudecken, Papierschnipsel liegen quer über Tisch und Boden verteilt. Wieso haben die Kinder sie gestern nicht weggeräumt, wie sie versprochen haben? Da steht meine Zimmerpflanze. Oje, wann habe ich die das letzte Mal gegossen? Unter einem Bücherstapel liegen Blätter, mit denen Purzelchen ein Herbarium basteln wollte. Machen wir das heute Nachmittag? Ich weiß, das klingt nach einem Aufmerksamkeitsdefizit, aber das habe ich, wenn ich 8 Stunden allein mit meinem Rechner bin.

Mein Kopf wird immer voller, aber keine der To-Dos erledige ich jetzt, denn ich muss arbeiten. Ich schaue auf die Uhr: Noch 7 Stunden. Waaaah, 7 Stunden klingt so lange … Auf diesem harten Holzstuhl.

Sei´s drum. In einer E-Mail wird mir ein Word-Dokument mit Änderungswünschen geschickt. Ich öffne Jira und setze ein Ticket auf „in Arbeit“. Ich öffne Word und noch eine andere E-Mail, schaue in Confluence nach Zugängen und logge mich im Backend eines Onlineshops ein, öffne meine Excel und suche mir Informationen zusammen. Ich überprüfe die Ergebnisse mit Google. Plötzlich werden die Tabs auf meinem kleinen Laptop so unübersichtlich, dass ich mich zu den zwei Bildschirmen ins Büro wünsche. Wo ist mein Word-Dokument hin?

Mittags finde ich es tatsächlich ganz cool zu Hause, wenn die 30 Minuten nur langsamer verstreichen würden.

Nachmittags klingeln noch drei verschiedene Paketboten und kurz darauf kommen die Nachbarn, die alle Pakete wieder abholen wollen.

Dann: 15 Uhr! 8 Stunden gearbeitet, die sich wie 16 Stunden angefühlt haben.

Warum ich kein Homeoffice mag?

Darum.

deine

Schriftzug Dresden Mutti

2 Kommentare zu „Warum ich kein Homeoffice mag

Gib deinen ab

  1. Oh, ja. Das liebe Home Office. Auch ich sitze in diesem und meine neidischen Kollegen fordern meine Rückkehr ins Büro. Die haben keine Ahnung was hier mitunter abgeht. Ständig klingelt irgendwas (Tür, Waschmaschine, Handy, Telefon, Kind) oder das Kind steht mit diesem oder jenem Anliegen neben einem.
    Am schlimmsten sind die Tage mit Klassenkonferenzen. Man sollte meinen, dass dann endlich Ruhe einkehrt. Haha! Definitiv nicht, denn an den Tagen schreit mein Sohn (obwohl Mikro aus) so laut in seinem Zimmer herum, dass man ihn sicher die gesamte Straße hinab und bis über drei große Parkplätze zum Rewe hin hören kann.
    Ständig ist man im Zwiespalt zwischen Kind, Haushalt und Arbeit. Zwei Sachen davon kommen definitiv zu kurz.

    Sprich deinen Arbeitgeber auf ergänzende Monitore oder einen größeren Laptop an. So ein kleines Ding ist nicht für das Home Office geeignet.

    Ansonsten bin ich auf deine Aussicht neidisch. Ich sitze im Arbeitszimmer, dass mein Mann auf seine Wohlfühltemperatur (20°C) heruntergekühlt hat und mir vom Schreibtisch aus einen berauschenden Blick auf die Zimmertür bietet.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Anne, danke für deinen Kommentar 🙂 Kalt ist es bei uns auch, aber die Aussicht ist tatsächlich besser. Zu Homeoffice mit Kindern kann ich nur sagen, dass dies bei mir gar nicht denkbar ist. Entweder arbeite ich ODER ich bin mit den Kindern zusammen, aber beides gleichzeitig bekomme ich nicht leider nicht gewuppt.

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