Welche Auswirkungen hat ein Nachkriegstrauma auf die folgenden Generationen? Was macht das Trauma der Eltern mit den Kindern? Mit den Enkeln? Wie weit trägt sich eigentlich, was nie ausgesprochen wurde? „Als Großmutter im Regen tanzte“ von Trude Teige ist eine Empfehlung für alle, die nicht nur einen historischen Roman lesen wollen, sondern die sich auch für generationenübergreifende Traumata interessieren.
Spannungsvoll von Seite zu Seite
Das Setting von „Als Großmutter im Regen tanzte“ ist hoch spannungsvoll: Juni sitzt schwanger von einem gewalttätigen Ex-Freund auf der norwegischen Insel, auf der sie aufwuchs. Bei den Großeltern. Bei ihren geliebten Großeltern. Beide sind inzwischen leider gestorben. Auch ihre Mutter ist tot und ihren Vater kennt sie nicht.
Juni wuchs in einer schwierigen Familie auf, mehr bei den Großeltern als bei ihrer alkoholkranken Mutter, und jetzt, wo sie selbst (ungewollt) eine Familie gründet, entdeckt sie im norwegischen Großelternhaus ein weiteres, vielleicht alles erklärendes Familiengeheimnis: ein Bild ihrer Großmutter Tekla mit einem deutschen Soldaten?
Juni lässt das Bild nicht mehr los und sie begibt sich auf Ahnenforschung. Ist sie hier auf etwas gestoßen, dass alles erklären könnte? Warum ihre Familie so zerrüttet ist? Warum ihre Mutter und ihre Großmutter so ein schlechtes Verhältnis hatten? Sie will herausfinden, wer der Mann auf dem Foto war und macht sich auf den Weg nach Deutschland, wo sie den Spuren ihrer eigenen Familiengeschichte nachläuft …
Mit dabei ist ein junger Mann aus der Inselnachbarschaft, in den sie sich spontan verliebt hat und der nichts besseres zu tun hat, als sie nach Deutschland zu begleiten. Ihr habt es herausgelesen: Diese Figur gewinnt für mich keine Kontur und scheint mir überflüssig. Der junge Mann soll wahrscheinlich eine Parallele zu dem Mann darstellen, den Tekla am Ende dann geheiratet und bis zum Ende wahnsinnig geliebt hat. Hier das Zitat des letzten Atemzugs:
„Drei Tage nach Großvaters Beerdigung – das war im Frühjahr – ging sie nach draußen in den Regen und tanzte. Ich stand auf der Glasveranda und lächelte ihr zu, beobachtete, wie ihr schmaler Körper sich langsam drehte. Es sah aus, als würde sie sich ruhig ins Gras niederlegen. Herzversagen, konstatierte der Arzt. Gebrochenes Herz, dachte ich.“
Das alte Liebesfoto jedenfalls, das merkt auch Juni schnell, war ein vergänglicher Moment des Glücks ihrer Großmutter Tekla gewesen. Was für die Norwegerin wie eine verwegene Romanze nach dem Krieg begann, brachte die junge Frau nicht nur in ein zerstörtes Deutschland, sondern auch in eine zerstörte Heimat. In Norwegen hatte man sie wegen der Liebschaft verächtlich „Deutschenmädchen“ genannt, doch in Deutschland verlor sie nicht nur ihre Würde und ihren Mann, sondern auch ihre Unschuld und ihre Naivität und wurde schwanger …
Nach dem Krieg ist eben nicht nach dem Krieg.
Nach dem Krieg kann Krieg in anderer Form weitergehen: Mit Gewalt, Hunger und Elend. Sie zogen über Tekla hinweg. Nichts wurde so, wie die verliebte Norwegerin es sich einst vorgestellt hatte. Die Enkeltochter Juni aber findet in den Spuren ihrer Familiengeschichte schließlich Erklärungen und Antworten für ihr eigenes Leben.
Der Roman verschenkt zwar einiges an Potential, vor allem in der Geschichte rund um Juni, wo er oft nur an der Oberfläche kratzt, doch macht es ihn nicht weniger lesenswert.
Einzig Junis Liebesgeschichte mit dem Inselnachbarn hätte es nicht gebraucht. Die Frau hätte mehr Stärke beweisen können, wenn sie den Weg in die Vergangenheit allein gegangen wäre. Auch Großmutter Tekla hatte ihren Weg in Deutschland schließlich – zumindest ein großes Stück weit – allein gehen müssen. Doch die Autorin Trude Teige hatte wohl nach den seitenlangen Traurigkeiten und Grausamkeiten das Bedürfnis nach etwas Liebe und einem Happy End.
Eure

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