Leseecke: „Hustle“ von Julia Bähr

Vor dem Hintergrund der Münchener City versetzt Julia Bähr ihre Protagonistin allein in eine neue Wohnung und ebenso allein in eine neue Arbeitsstelle. Dieser Arbeit ist sie einerseits nicht gewachsen, da sie als Pflanzenexpertin dafür eingesetzt wird, Insekten in alten Schaukästen zu bestimmen, doch andererseits scheint sie dem Arbeitgeber qualifiziert genug für diese Aufgabe zu sein. Wahrscheinlich will sonst auch niemand so einer eintönigen Arbeit nachgehen.

Typisch München ist ein neues Hobby bereits vorgegeben: Wohnungsanzeigen studieren, um ihre erste und recht hässliche Einzimmerwohnung gegen ein gemütlicheres Exemplar einzutauschen. Dieses Vorhaben kann sie mit ihrem Gehalt allerdings nicht umsetzen, stellt sie nüchtern fest. München ist ein extrem teures Pflaster und als Käferbestimmerin spielt sie nicht in der Liga mit, die sich eine 2-Zimmer-Wohnung leisten könnte.

Oberflächlich oder immersiv?

Ich fürchtete anfangs, in eine Geschichte abzutauchen, die von Oberflächlichkeiten lebt. Unbezahlbare Wohnräume, eintönige Aufgaben auf Arbeit, anstrengende Eltern und Liebesbeziehungen ohne Liebe. Kommt hier noch ein Freundeskreis hinzu, der die Oberflächlichkeit mit Glanz und Glamour unterstreicht? Zunächst wirkt es so, als Leonie auf einer Vernisage die hinreißende Geneviève kennenlernt:

„Sie war glamouröser als alle Frauen, mit denen sie sich jemals gut verstanden hatte, aber sie fand sie sympathisch. Einnehmend. Eine Frau, mit der man Geheimnisse teilen möchte, um sie ein bisschen zu beeindrucken und eine Minute länger ihren Glanz zu genießen.“

Doch „Hustle“ überraschte mich positiv. Der Roman schafft Figuren, die ein eigenes Leben mitbringen und nicht nur als Nebenfiguren für Leonies Geschichte dienen. Kim, Yasmin und Geneviève sind nicht nur Schein, sondern Menschen mit einem Leben. Sie nehmen die etwas jüngere Leonie in ihren Kreis auf, zunächst als Lehrling, der ein eigenes, (illegales) Nebengewerbe aufziehen soll, und dann als Freundin.

Brainstorming: Wie kann Leonie illegal Geld verdienen?

In einem gemeinsamen Brainstorming kommt Leonie die Idee, was ihre illegale Machenschaft sein könnte: Sie will für andere Menschen Rache üben. Bei Ex-Partnern, die fremdgehen oder die Tagebücher stehlen oder die wegen anderer Delikte verdient haben, dass ihnen etwas Halbschlimmes oder Peinliches passiert. Im Darknet stößt Leonie auf ein Liebeskummerforum mit Potential für viele Aufträge. Das Vorhaben gelingt! Leonie wird ein Racheengel. Die Aufträge elektrisieren sie und geben ihr Abwechslung zu ihrem langweiligen Hauptjob.

Trotzdem bleibt es handfest: Leonie behält ihre Anstellung, ihre monotone Liebesbeziehung und den Streit ihrer Eltern. Sie züchtet einerseits Schleimpilze und lernt andererseits das Münchner Leben kennen, natürlich auch das Oktoberfest. Die Geschichte streckt in viele Richtungen ihre Fühler aus. Auch die Freundinnen sind nicht nur Immoblienbetrügerin oder Drogenhändlerin. Sie haben Ecken und Kanten. Sie sind echte Menschen, die abseits der Nebengewerbe ein Leben mit normalen Verpflichtungen haben wie abends noch Cupcakes backen für die Schule am nächsten Tag.

So wandert Leonie beispielsweise mit einer der Freundinnen, deren Mann und den Kindern gemeinsam in den Alpen. Diese Wanderung ist eine schöne Aktivität unter Freunden und überhaupt beginnt sie, sich auf München und ihre Freundinnen einzulassen. Sie sind längst mehr als Mentoren.

„Hustle“ macht alles richtig. Figuren sollten nicht nur für eine Geschichte existieren, sondern auch eine eigene Geschichte in sich tragen. Echte Protagonisten machen ein Buch realistisch, weil die Figuren auch Eltern, Kinder, Geliebte, Ehemänner und eigene Probleme und einen eigenen Alltag abseits der Story haben. Und genau so ist es auch hier.

Alles in allem hätte ich gern noch mehr von den Racheaktionen gelesen. Trotzdem gefällt mir der Roman. Nach einer anfänglichen Skepsis hat er mich sehr in seinen Bann gezogen.

Eure

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38 Jahre alt, Mama von zwei Töchtern, verheiratet und berufstätig in Vollzeit als Online Redakteurin.

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