Leseecke: „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

„Mittagsstunde“ von Dörte Hansen las ich in meinem Urlaub in Lübben und das auch nur, weil ich mich nicht daran erinnert hatte, dass ich ihn schon kannte. Und als mir das Doppelt-Lesen aufgefallen war, konnte ich die Geschichte längst schon nicht mehr aus der Hand legen. Erneut. Dörte Hansen zu lesen, ist wie tief durchatmen und richtig gut Luft bekommen und vor allem: sich erinnern. Mitdenken, mitfühlen, mitleben.

Klapperlatschenfrauen und Kinder von Klapperlatschenfrauen

Die Autorin beobachtet genau, erzählt wortgewandt und spannend und authentisch. Sie braucht nichts aufbauschen, nichts schön- oder schlechtreden, nichts erklären, weil es genau solche Klapperlatschenfrauen und Kinder von Klapperlatschenfrauen überall in Deutschland und wahrscheinlich weltweit gibt und wir wissen, wen sie meint. Weil auch bei uns im Dorf die Haustür unverschlossen war und die Klapperlatschenfrau hereinkam, ohne zu klingeln und ohne nennenswerten Grund, nur war es meistens eher ein Klapperlatschenmann mit Tauben im Kopf. Ich weiß nicht mehr genau. Als Kind passieren Dinge einfach so. Man nimmt sie hin und schmunzelt, wenn sie plötzlich in „Mittagsstunde“ wieder lebendig werden.

Dörte Hansen gräbt Erinnerungen aus.

Sie erzählt in „Mittagsstunde“ von einer jungen Frau in Klapperlatschen, einem Kuckuckskind, das schwanger mit 17 Jahren das Dorfleben durcheinander bringt. Das ist fast so schlimm, wie Krachmachen in der Mittagsstunde. Nicht wirklich verboten, aber eigentlich schon. Ungeschriebenes Dorfgesetz: Mittagsstunde das ist die Zeit, in der alle auf der Eckbank dösen und keiner einen Mucks macht, auch nicht die Kinder, erst recht nicht junge Frauen in Klapperlatschen.

Aber schwanger mit 17, Vater unbekannt? Ein Drama! Aber: Es ist dann doch nicht so schlimm, wie angenommen, im Gegenteil. Die Mutter taugt zwar nichts, aber der Opa nimmt sich dem Kind an, blüht auf, kuschelt es durchs Dorf und bringt ihm alles bei, was man als Bauer und Wirt können muss. Nur leider wird der Junge am Ende ein „Studierer“ und zieht weg. Erst Jahre später kommt er zurück, um seine Schuld bei den beiden Alten, seiner Oma und seinem Opa, zu begleichen und vor allem auch, um herauszufinden, was er als fast 50-jähriger mit diesem Leben machen will, das die Klapperlatschen-Mutter und das Dorf ihm geschenkt hat.

Ein wundervoller Roman voller Leben! Unbedingt lesen, sobald ihr mit „Altes Land“ und „Zur See“ von Dörte Hansen durch seid.

eure

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38 Jahre alt, Mama von zwei Töchtern, verheiratet und berufstätig in Vollzeit als Online Redakteurin.

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