An besagten Abend schlüpfte ich aus den Arbeitsschuhen, zog Turnschuhe an, griff nach meinem Korb, packte noch eine Dose Pülleken ein und radelte los, in die Dresdner Heide mit der Mission: Pilze finden! Am liebsten einen Parasol, dessen Merkmale ich mir in den letzten beiden Wochen verinnerlicht hatte. Meine Familie hatte mir den Pilz auf Usedom gezeigt und als leckeren Schnitzelpilz angepriesen.
Ursprünglich hatte ich heute Abend überlegt, unserem Garten in Radeberg einen Besuch abzustatten, doch zu einem nächsten Großprojekt (mehr Beete anlegen) fehlte mir dann doch die Ambition und ich dachte mir „Verschieben wir´s auf morgen!“. Trotzdem wollte ich raus, das schöne Wetter genießen nach 9 Stunden Büroarbeit. Frische Luft! Bewegen! Was pflücken! Mein eines Kind verbringt die erste Ferienwoche aktuell in Lübben und das andere Kind besucht mit meinem Mann eine befreundete Familie. Für mich ging´s also alleine los, erst mit dem Fahrrad über die Waldschlösschenbrücke, an der Elbe entlang bis zur Saloppe und dann wieder hoch und rein in den Wald beim Waldspielplatz.


Pilzsammelrausch vor 8 Jahren
In der Dresdner Heide hatte ich vor, lasst mich lügen, das muss schon mindestens acht Jahre her sein, zu meinem Geburtstag am 24. Oktober Unmengen von Pilzen aus dem Wald getragen. Meine Schwester und ich haben sie hintereinanderweg pflücken können, sie standen wunderschön gewachsen gut sichtbar im Wald, und mein Mann, der weder Pilze essen mag, noch Spaß am Pflücken hatte, stand irgendwann verzweifelt daneben, wollte endlich nach Hause. Habt ihr schonmal einen Pilzsammelrausch erlebt? Es fiel schwer, sich vom Pflücken zu lösen, wenn so schön gewachsene Pilze vor der Nase stehen!
Letztendlich hatten wir nachher im Hof vor unserem Haus einen großen Berg Pilze zu putzen. Hier wuchs uns die Sache mit den schönen Pilzen dann doch über den Kopf, und wir verteilten die Prachtexemplare fleißig an die Nachbarschaft.
Hier sind wir wieder: im Oktober, in der Heide, wo sind die Pilze?
Wie gesagt, es war Oktober, mein Geburtstag damals. Auch jetzt steht der Oktober im Kalender und in meiner Vorstellung würde ich wieder einen Pilzberg zusammensuchen, doch so leicht sollte es nicht werden. Was ich aber fand? Direkt am Anfang schon einen kleinen angeknabbert Parasol, meinen ersten Schnitzelpilz. Ich knackte ihn am Stiel ab und verstaute ihn im Korb, sehr entzückt, etwas mulmig trotzdem, weil es ja nun der erste Parasol meines Lebens war, den ich hier pflückte. Der Ring ist verschiebbar, der Hut hatte die typische Form und trug gut sichtbare Schuppen.
Kurze Zeit später fand ich noch einen klassischen großen Speisepilz, vielleicht schon etwas zu alt, um noch wirklich lecker zu sein, der Schwamm hatte sich gut mit Wasser vollgesaugt und ich hätte ihn besser stehen lassen, aber am Anfang des Sammelns, steck ich ein, was ich finde, denn man weiß nie, ob noch weitere Pilze dazu kommen werden.
Pause auf der Lichtung
Jetzt jedenfalls, es ist immer noch dieser besagte Abend, sitze ich auf einer Lichtung. Die Sonne geht zwischen den Bäumen unter, manchmal knackt es. Gruselig. Als würden Wildschweine hinter den Bäumen lauern, mich beobachten. Dann ist es doch nur ein Grünsprecht, der vorüber hopst und Anlauf nimmt zum Flug, und ich denke mir: „Huch! Ein Grünspecht! Den habe ich lange nicht gesehen. Ein Grünspecht! Wie schön, mal wieder einen gesehen zu haben.“
Als ich eine Weile auf dem Baumstumpf sitze, fange ich an, noch mehr zu beobachten. Vereinzelt purzeln braune oder rote Blätter von der Buche herunter. Schön ist, wie der Wald langsam dunkel wird. Mir ist bewusst, dass die Dämmerung mir die Pilzsammlung gleich erschweren wird und mich zur Umkehr drängt. Mir ist auch bewusst, dass die Wildschweinraschelgeräusche im Dunkeln gruseliger werden können. Sei es drum. Ich trinke das Pülleken und schau auf die zwei Pilze, die in meinem viel zu großen Korb liegen. Es dürften gern noch ein paar mehr werden.
Ich und der Wald
Ich zieh jetzt also weiter auf meinem Weg! Wünscht mir Glück beim Suchen und Finden. Ich werde mich gleich wieder voll und ganz auf das Laub konzentrieren. Ist es Laub? Oder ein Pilz? Oder ein Pilz unter dem Laub? Was ich hier noch nicht weiß, ist, dass ich noch einen viel schöneren Parasol finden werde, sowie zwei wunderschöne Steinpilze, die mir das Abendessen sichern. Hier im Wald treten gerade alle anderen Gedanken beiseite. Spannungen auf Arbeit können sacken, Freizeitstress darf schlummern. Nur Laub, Stock, Steine, Stämme, Spinnwebe, Gestrüpp und Pilze.
Wenn ich nachher nach Hause komme, lasse ich mich aufs Sofa fallen und, sollten mein Mann und Mini schon wieder zu Hause sein, spielen wir noch eine Runde „SushiGo“, nachdem ich meine Pilze geputzt habe. Auch meinen Parasol. Ich freu mich drauf, doch jetzt im Wald geht es erstmal weiter: Laub, Stock, Steine, Stämme, Spinnwebe, Gestrüpp und Pilze.
Eure

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