Was ich meinem 11-jährigen Ich über Medienkompetenz erzählt habe #medienmomente

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Blogparade von Schau-Hin zum Thema „Vertrauen und Kontrolle in der Medienerziehung“, bei dem ich den ersten Platz belegt habe. Im Folgenden könnt ihr einen Brief von mir an mich selbst lesen, der 20 Jahre in die Vergangenheit reisen darf.

Hallo 11-jähriges Ich,

du wirst es dir nicht vorstellen können, aber in 20 Jahren bin ich möglicher Weise genau die Art Mutter geworden, die du garantiert nicht sein willst. Sorry! Oder auch nicht. Lass mich dir kurz erklären, warum aus mir so ein uncooler „Nein“-Drache geworden ist, der „nichts erlaubt“.

Zunächst einmal muss ich dir aber die bittere Wahrheit mitteilen, denn dein Ruf als „Fernseheule“ eilt dir voraus, und obwohl du viel fern siehst und im Internet chattest, ist eins Fakt: Medienkompetenz hast du Null. Medienkompetenz, das ist deine Fähigkeit, mit Medien sinnvoll (!) umzugehen. Du aber zeigst im Netz nicht nur allen, die es wissen wollen, wie deine momentane Stimmungslage ist, sondern teilst sogar öffentlich deine Adresse. Du führst stundenlang einsilbige Chatgespräche mit Fremden und hängst in Rollenspielforen rum, in denen du immer und immer wieder die Seite aktualisierst, bis jemand etwas Neues geschrieben hat.

Machen Medien unglücklich?

Brief Auszug

Nun könntest du mich ganz unverblümt fragen, ob aus mir mit meinen 31 Jahren denn etwa „nichts“ geworden ist? Na doch, schon. Ja, ich habe ein Leben, Freunde, eine gute Arbeit, bin verheiratet und gehe sogar verschiedenen Hobbys nach. Aus mir ist trotzdem was geworden, da hast du recht, aber die Beweisführung möchte ich deswegen noch nicht abschließen. Ich bin mir nämlich einer Sache inzwischen ziemlich sicher und das solltest du bei aller Medienkompetenz, die du zum Glück doch noch erlangen wirst, nicht vergessen: Medien machen unglücklich.

Für unsere Eltern waren die „neuen Medien“ noch eine Blackbox, in der alles Mögliche stecken konnte und mit der sie sich selbst (noch) nicht auskannten. Selbst die Lehrer surften ahnungslos durchs Netz und verteufelten Web-Quellen als unseriös, was sich in deiner Zukunft zum Glück relativiert haben wird, denn inzwischen gibt es viele schätzenswerte Internetseiten – sogar Wikipedia zählt dazu.

Smartphones verändern unser Leben

Meine Generation hingegen weiß ziemlich genau, welche Power in den neuen Medien steckt – positiv wie negativ, denn wir sind damit aufgewachsen und haben dazu inzwischen auch reichlich geforscht. So gibt es zum Beispiel eine Studie von der Universität Bonn über Smartphones und wie sie uns beeinflussen. Der Leiter der Studie Alexander Markowetz hat gesagt:

>In den letzten sechs Jahren haben Smartphones unser Leben völlig verändert“, sagt der Informatiker. „Unser Handykonsum wirkt sich bereits jetzt negativ auf unsere geistige Leistungsfähigkeit und unsere Gesundheit aus, macht uns unglücklich und unproduktiv.<

Alexander Markowetz in einem Gespräch mit Spiegel online

Warum machen Smartphones unglücklich?

Auch ich bin der Überzeugung, das Smartphones am Ende des Tages unglücklich machen. Du hast jetzt noch kein Handy und bis das Smartphone verbreitet ist, dauert es auch noch etwas, aber stell es dir mal so vor: ein Smartphone ist ein kleiner Computer, den du überallhin mitnehmen kannst. Er dient weniger dem Telefonieren, sondern vielmehr teilst du damit Fotos mit deinen Freunden und der Familie, auch mit Fremden und kannst Nachrichten verschicken oder einfach kundtun, welche Fotos oder Texte dir bei anderen Leuten gefallen.

Darüber hinaus steckt im Smartphone ein Fotoapparat und es zeigt dir den Weg oder du liest darüber Zeitung. Es ist sogar möglich, Videos zu bearbeiten und es gibt noch viele weitere Funktionen, die wirklich toll sind – du wirst sie lieben!

du wirst sie lieben

Aus folgenden Gründen machen Smartphones trotzdem unglücklich:

  • Du verlierst sehr viel Lebenszeit an dem Gerät.
  • Du wirst immerzu mit neuen Informationen versorgt, die du aber nicht alle aufnehmen kannst.
  • In deinem Smartphone wird es eine Parallelwelt geben, die dir vorgaukelt, dass andere Menschen schöner, schlauer, sportlicher, fleißiger, fröhlicher, tiefsinniger usw. sind. Das kann dich an schlechten Tagen ziemlich runterziehen.
  • Du wirst die Bestätigung mögen und immer neue Fotos/Texte ins Internet hochladen, die andere Menschen dann bewerten. Selten hat es den gewünschten Erfolg.
  • Du wirst unproduktiv am Smartphone daddeln.

Gehirn und Herz werden durch das Smartphone einfach überlastet. Du bist aber nicht alleine mit diesen Problemen, denn selbst für viele Erwachsene wird der erste Griff am Morgen der nach dem Smartphone sein und sie nehmen es sogar mit aufs Klo. Dieses gruselige Science Fiction-Bild ist in 20 Jahren längst Realität.

Medien sind doch ziemlich geil?

Nun bin ich aber im Grunde immer noch auch du. Und was uns eint, ist der Gedanke, dass Medien doch eigentlich ziemlich geil sind. Warum soll man alles verteufeln, nur weil einige Menschen ihre Grenzen nicht kennen? Das stimmt schon und ich bin da ganz bei dir. Inzwischen habe ich aber selbst zwei Töchter und entscheide nicht mehr nur für mich, sondern mache mir auch für diese kleinen Menschen Gedanken. Sie sind jetzt 6 Jahre und 4 Jahre alt.

Streng bin ich in Bezug auf Medien schon, muss ich gesehen. Die beiden dürfen zum Beispiel nur am Wochenende fernsehen und besitzen weder Tablet noch Smartphone, aber sie sind eben auch noch Kindergarten-Kinder. Die Frage ist eher, wie es weitergehen wird, wenn beide größer werden.

Medienkompetenz

Zur Medienkompetenz zählt vor allem ja auch, nicht alles zu verbieten, sondern das Erlernen und Erleben der Technik gut zu begleiten.

Medien bringen viel Positives mit, das ich mir durchaus eingestehe:

  • Filme müssen keine Berieselung sein: Sie sollten als Werke wahrgenommen werden, die man gemeinsam als Familie genießen darf und bei denen die Arbeit des Regisseurs, des Drehbuchautors und der Schauspieler geschätzt werden. Filme haben eine Botschaft und erweitern unseren Horizont – gerade Kinderfilme!
  • Das Internet führt uns näher zusammen. Ich habe oft mit meinen Eltern per Videochat telefoniert, als wir noch 600 km auseinander lebten und so konnten sie ihre Enkelkinder trotzdem sehen. Was haben wir die „moderne Technik“ geliebt!
  • Smartphones erlauben innerhalb kurzer Zeit sehr beeindruckende eigene Werke zu erschaffen: Fotos, Videos, Sprachaufnahmen. Du hättest es geliebt, wie leicht man eigene kreative Werke zusammenstellen kann.
  • Grenzenloses Wissen ist verfügbar: ich habe mir zum Beispiel allein über Videos im Internet das Nähen beigebracht. Du kannst dir heute zu fast jedem Thema Informationen beschaffen – schnell und ohne die Wohnung verlassen zu müssen.

Welchen Schlüssel zur Medienkompetenz wähle ich?

richtige Spur Medien

Wie bringe ich meine Kinder auf die richtige Spur, wenn es um Internet, Fernsehen und das Smartphone geht? Du siehst das alles ziemlich locker und stolperst einfach hinein in diese neue Welt, das war für dich damals auch okay, denn alle fingen gerade erst an, das WWW zu verstehen. Heute durchdringen uns die Medien aber ständig, wollen unsere Aufmerksamkeit und nerven auch ziemlich schnell. Wie bewahren sich Kinder dabei ihre Unbeschwertheit?

Ich verrate dir, wie ich mit meinen Kindern umgehen möchte, damit sie einerseits glücklich bleiben können und andererseits die Medien nutzen dürfen. Falls du noch weitere Ideen oder Einwände hast, schreib mir doch mal zurück. Vielleicht findest du auch eine Brieftaube, die durch die Zeit flattert.

So möchte ich Medienkompetenz vermitteln

  1. Durchs Reden: Ich werde ganz direkt ansprechen, was passieren kann, wenn sich Kinder im Internet bewegen. Nur wenn meine Töchter darüber Bescheid wissen, dass auch „Verbrecher“ im Internet unterwegs sind, werden sie sich auch bewusst schützen (und nicht nur, weil Papa und Mama gesagt haben, sie sollen keine Adressen online stellen).
  2. Zeitliches Limit: Damit Zeit nicht nur verdaddelt wird, werde ich eine Zeitspanne festlegen, in der Medien genutzt werden können. So verfallen die Kinder nicht in einen unproduktiven Dauer-Zustand, sondern überlegen im Gegenteil vielleicht sogar, wie sie die Zeit sinnvoll füllen können.
  3. Kreativität/Wissensdurst fördern: Über das zeitliche Limit lasse ich gern mit mir reden, wenn etwas Cooles entstehen soll. Wenn Kinder gemeinsam ein Video drehen wollen beispielsweise – Warum sollte man das verbieten? Oder wir starten gemeinsam ein Medien-Projekt als Familie.
  4. Austausch: Was machen die Kinder eigentlich die ganze Zeit im Internet, am Smartphone oder was schauen sie im Fernsehen? So wie man sich übers echte Leben unterhält, so sollte man auch übers Online-Leben reden, denn auch dieses ist „real“. So bleibt man im Bilde, was die Kinder beschäftigt.

„Wenn ich mal Kinder habe…“

Ich hoffe, das alles klingt für dich nicht nur schrullig, sondern du erkennst den Sinn dahinter? Tatsächlich scheinen meine Töchter bislang sehr zufrieden mit unseren Regeln zu sein. So sagt die Große zum Beispiel: „Wenn ich mal Kinder habe, dann dürfen sie nur am Wochenende Fernsehen gucken.“ Ich schwöre derzeit tatsächlich noch auf unsere Wochenend-Regel, weil sie die Tage dazwischen so entspannt.

Wochenend-Regel

Ich muss aber auch sagen, dass in unseren Tagesablauf Fernsehzeiten gar nicht (mehr) hineinpassen, weil die Zeit auch so immer schnell herumgeht. Kannst du dir das vorstellen? Dafür bleibt am Wochenende wieder mehr Zeit und da kann man auch abends mal länger wach bleiben, um einen gemeinsamen Filmabend zu machen. Darauf freuen wir uns dann alle und zelebrieren es mit Chips und Gummibärchen.

Schlussworte der Erlaubt-Nix-Mama

Ich hoffe, du hast jetzt keine Angst davor bekommen, eine Erlaubt-Nix-Mama zu werden? Ganz so schlimm bin ich ja am Ende auch gar nicht und muss mich auch immer wieder an die eigene Nase packen. Es ist ja nicht so, als wäre ich immun gegen die Anziehung von WhatsApp, Facebook, Instagram oder YouTube.

Trotzdem möchte ich dir zum Abschluss noch raten, Medien BEWUSST zu nutzen und nicht so viel im Internet zu surfen oder fernzusehen, sondern lieber Zeit mit anderen Hobbys zu verbringen. Das macht zufriedener und glücklicher, glaub mir einfach. Ich erinnere mich selbst auch immer wieder daran.

Herzliche Grüße von deinem zukünftigen Ich

deine

Schriftzug Dresden Mutti

3 Kommentare zu „Was ich meinem 11-jährigen Ich über Medienkompetenz erzählt habe #medienmomente

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  1. Liebe Nadine,

    mit 11 Jahren spielten die Medien noch eine ziemlich geringe Rolle in meinem Leben, aber mein 18 – jähriges Ich könnte so einen Brief auch gut gebrauchen. Bei all den tollen Möglichkeiten, die uns die moderne Technik ermöglicht, finde ich es doch auch immer wieder erschreckend, wie Abhängig wir uns davon machen. Deswegen bemühe ich mich, an den Wochen so wenig darauf zurückzugreifen und mit meiner Familie die Welt analog zu genießen und zu erleben – ganz so, wie es in meiner Kindheit noch Alltag war. Und ich behaupte jetzt einfach mal, dass wir Kinder damals freier waren.

    Ganz liebe Grüße,
    Maike

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Maike, ich selbst hätte mit 18 und auch darüber hinaus sicherlich auch so einen Brief gebrauchen können. Vor allem mit Erwerb des ersten Smartphones 😉 Bisher denke ich nicht, dass wir Kinder damals freier waren, aber meine Töchter sind auch noch klein. Es wird sich vieles ändern, wenn dann doch irgendwann mal Smartphones einziehen. Viele Grüße, Nadine

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