MEINE FRESSE, wie redet ihr eigentlich über Kinder?

Viele Leute legen so miese Manieren an den Tag, das einem schlecht werden kann. Gleichzeitig erwarten sie aber Disziplin und Ordnung nachdrücklich von Kindern und pöbeln daher gern über diese herum. Statt den Widerspruch zu sehen, pöbeln sie immer weiter, steigern sich maßlos hinein und finden noch so manch anderen Anhänger der alten Schuhe… Dabei sind die verstaubten Ansichten über Kinder echt zum Kotzen und wie die Leute über Kinder reden sowieso.

„Zucht und Ordnung“ – immernoch in Mode

Wer meint, die Zeiten von „Zucht und Ordnung“ seien längst ad acta gelegt und Kinder dürften heute viel freier und glücklicher aufwachsen als es vor Jahrzehnten noch der Fall war, den muss ich leider aus seiner Filterblase holen. Ein Blick auf Facebook sagt mehr als hundert Blogartikel über bedürfnisorientierte Erziehung.

Menschen von heute lesen lieber „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ oder „Deutschland verdummt“ von Michael Winterhoff als „Das kompetente Kind“ von Jesper Juul. Oder nicken zumindest zustimmend vor sich hin, wenn sie die Titel lesen. Erst kürzlich tauchte Herr Winterhoff wieder in einem Artikel des Fokus auf mit der Headline: „Kinder von heute werden nicht arbeitsfähig sein„.

Man sieht schon die Leute mit der Faust auf den Tisch schlagen: „Hab ich schon immer gesagt! Kinder brauchen klare Ansagen und müssen folgen! Was hinter die Löffel hilft Wunder!“

Schauen wir uns mal an, was der Pöbel auf Facebook über Kinder zu kommentieren hat.

Ein Facebook-Beispiel: Soll die Schule später beginnen?

Mädchen lernt Englisch

Die Sächsische Zeitung titelte kürzlich „Das Grauen des frühen Schulbeginns„. In dem Artikel wird von einer Schule aus den USA erzählt, welche den Unterrichtsbeginn auf 8:45 Uhr verschob mit der Folge:

„Die Schüler schliefen durchschnittlich 34 Minuten länger, ihre Leistungen verbesserten sich und die Fehlzeiten waren geringer.“

Welche Kommentare liest man auf Facebook dazu?

  • „Kinder sollten auf die Zukunft vorbereitet werden und nicht auf ein wünsche dir was.“
  • „Wir mussten auch so früh aufstehen . Es hat keinem geschadet .
  • Im Arbeitsleben später kann auch keiner sagen das man doch bitte später anfangen möchte weil man ausschlafen will .“
  • „da werden sich die zukünftigen Arbeitgeber aber freuen“
  • „Was kommt denn als Nächstes? Fächer und Lehrer können nach Ermessen selbst gewählt werden? Ich muss sagen, das mich das irgendwie schockiert, in welche Richtung sich das Bildungssystem entwickelt. Normal ist das definitiv für mich nicht mehr. „
  • „Fast Alles Weicheier die Jugend von heute und die das vorschlagen sind die größten Weicheier und noch nicht alt genug. Zu DDR Zeiten ging es 0700 los. Da hat keiner so nen Firlefanz erzählt und wir sind auch groß geworden… Den Gören das Handy abends wegnehmen und eher ins Bett wäre die Lösung ‼️‼️‼️“

Solche Reaktionen hätte man sich kaum besser ausdenken können, aber so stehen sie in den Kommentaren. Non scholae, sed vitae discimus? Nicht mit dem Pöbel! Dieser lernt für die Schule und zwar vor allem eins: Gehorsam, auch wenn es unsinnig ist. Die Devise: Nicht hinterfragen, machen!

Dabei sollte gerade die Schulpflicht in Deutschland der Grund sein, Strukturen und Lernumgebungen zu schaffen, damit es den Mädchen und Jungen beim Lernen gut geht. Erwachsene machen alles freiwillig, Kinder aber haben keine Entscheidungsgewalt. Sie können nicht kündigen und sich einen besseren Job suchen, sie müssen jeden Tag in die Schule, die wir Erwachsenen für sie gestalten.

Was spricht gegen bessere Bedingungen?

Wenn Studien belegen, dass unsere Kinder mit einem späteren Schulstart besser lernen können und weniger häufig krank werden, dann los. Ob das Kind dann in zehn Jahren mal um 6 Uhr morgens bei der Arbeit sein muss, ist absolut zweitrangig. Darauf kann man sich einstellen, wenn man das möchte. In der Schule sollte nicht der Gehorsam im Vordergrund stehen, sondern die Bildung. Nicht „Zucht und Ordnung“, sondern denken, ausprobieren, diskutieren und lernen.

Was ist mit Fridays for Future?

Friday for Future

Zu beobachten ist das Kinder-Bashing auch beim aktuellen Trend-Thema „Fridays for Future“. Hier engagieren sich Kinder und Jugendliche dafür, dass der Klimaschutz politisch ein wichtigeres Thema wird und bleibt. Allen voran Greta Thunberg. Das funktioniert tatsächlich ausgesprochen gut, denn seit Monaten ist das Thema in den Medien und hält sich hartnäckig.

Was schreiben die Facebook-Nutzer?

  • Die soll sich in die Schule scheren.
  • Das klingt nach einer schweren Psychose. Unverantwortlich, dass die Eltern sich nicht schon längst um einen Therapeuten gekümmert haben.
  • Jeden Freitag als Lehrer nen Test schreiben und bei nicht anwesend automatisch die Note 6. 
  • Gibt Schulpflicht dies ist auch durch zu setzen
  • Wo sind die Personensorgeberechtigten wenn man sie braucht? Die sind zur Durchsetzung der Schulpflicht verpflichtet.
  • Schulschwentzer. Alle das Schuljahr nachholen
  • Plastik-Greta. Na ja …. Greta spürt jeden Tag Angst. Sollte vielleicht mal zum Psychologen gehen ….

Auch bei diesen Kommentaren dringt wieder der Gedanke von „Zucht und Ordnung“ durch. „Schulpflicht!“, heißt es da belehrend. Der Pöbel poltert: Alles Schwänzer, 6en für alle, Schuljahr wiederholen… ect. MEINE FRESSE, was haben diese Menschen für Probleme?, frag ich mich. Klar, es gibt so einige Rotzlöffel unter den Kindern, doch darum geht´s dem gar Pöbel nicht. Der schert alle über einen Kamm, denn es geht ums Prinzip und das Prinzip beinhaltet keinen Lehrstoff, sondern das Prinzip beinhaltet Zucht und Ordnung.

Wo kämen wir sonst hin?, spuckt der Pöbel jedem vor die Füße, der es gar nicht wissen will, aber irgendwem muss man es ja sagen, wenn niemand freiwillig zuhören will. Dabei sollte die Frage sein: Wo kämen wir hin, wenn alle Kinder wie dumme Gänslein die Köpfe senken und sich nicht mehr einmischen. Wissen etwa die Erwachsenen, was sie da machen? Handeln Sie im besten Sinne? Gibt es keinen Grund zur Besorgnis?

Aber um Beweggründe, Fakten und Diskussionen geht es dem Pöbel nicht, denn er hat der Fridays for Future-Bewegung häufig nichts entgegenzusetzten. Will er auch nicht, denn es sind „Kinder“, keine vollwertigen Menschen in den Augen der Besserwisser. Statt über das Thema zu reden, ziehen sie über die 16-jährige Greta her. Dabei ist es fürs Klima völlig irrelevant, dass das Kind Autismus hat, MEINE FRESSE.

Wir sind hier bei Wünsch-dir-was!

Am schlimmsten finde ich einen Kommentar von oben, der sagt: Wir sind hier nicht bei Wünsch-dir-was. … MEINE FRESSE, Leute! Natürlich sind wir hier bei Wünsch-dir-was. Wo denn sonst? Als Erwachsene entscheide ich frei, was ich mit meiner Zeit anfange, was ich arbeiten will und wieviel und wie lange und wo und mit wem. Kinder können das nicht – deswegen müssen wir im besten Sinne für sie entscheiden.

Kind mit Teddy

Der Pöbel lebt nach der Devise „Nur die Harten kommen in den Garten“ (oder schnurren Hartz IV) und sie meinen auch, es habe ihnen selbst nicht geschadet. Dieser Ansatz, das ist sicher, wird keine glücklichen Menschen hervorbringen. Schauen wir uns den Pöbel an: Wie glücklich klingen die Kommentare, die ich hier beispielhaft aus Facebook kopiert habe? Sie klingen wahnsinnig verbittert, engstirnig und mit sich selbst und der Welt unzufrieden – vielleicht, weil man ihnen als Kind immer wieder sagte: „Das Leben ist halt scheiße, aber so isses. Da musst du durch!“

Übernehmen wir lieber wieder mehr Verantwortung für die Belange der Kinder.

Meiner Erfahrung nach haben Lehrer*innen und Erzieher*innen ein offenes Ohr für Verbesserungen im KiTa- und Schulalltag, weil auch ihnen das Wohl der Kinder am Herzen liegt. Der grummelige Pöbel in unserer Gesellschaft, der seine „Zucht und Ordnung“ durchsetzen will, das sind wieder andere. Denen geht es ums Prinzip und nicht um die Kinder. Was denkst du?

deine

Schriftzug Dresden Mutti

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10 Kommentare zu „MEINE FRESSE, wie redet ihr eigentlich über Kinder?

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  1. Ich versuche immer eine gesunde Mitte zu finden. Einerseits schaue ich klar danach, was meine Kinder tatsächlich brauchen und gehe auf beide individuell ein- schließlich haben sie ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Andererseits finde ich aber auch, dass wir Eltern immer noch Menschen sind und uns nicht alles gefallen lassen dürfen, was ich oft in elterngruppen lese.

    Gerade das Beispiel mit der Schule, das du gebracht hast, fände ich als Mutter, die zuhause ist, super. Ich freue mich auch, dass meine große an vier Tagen zur zweiten Stunde hat. Andererseits stelle ich es mir schwierig für arbeitende Eltern vor. Aber das hat natürlich nichts mit der Erziehung oder Zukunft der Kinder zu tun, sondern ist reiner Egoismus der Eltern 😉

    Im Großen und ganzen finde ich den Artikel super gelungen!

    Viele Grüße
    Wioleta

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Wioleta,
      ja, genau darum geht es im Grunde: um vernünftige Argumente. Die fehlen nämlich häufig in den (Facebook-) Diskussionen, wenn sich Menschen über Kinder auslassen und es nur noch „ums Prinzip“ geht. Ums Prinzip und um Gehorsam, um Zucht, um Ordnung…

      Zu deinem konkreten Anliegen: Meine Kinder müssen aktuell auch 6:30 Uhr aus den Federn – nicht wegen unseres Egoismus, sondern weil sie zu klein sind, um allein in Kindergarten und Schule zu gehen. Das wird sich jedoch ändern, wenn sie älter werden. Ein Teenie kann durchaus eigenständig den Weg ins Klassenzimmer finden – und damit länger schlafen.

      Viele Grüße
      Nadine

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  2. Danke für die wahren Worte.
    Ich nehme mir immer vor, keine facebook-Kommentare zu lesen und tu es doch immer wieder und ich bin erschüttert, wie viel Hass da den Kindern und Jugendlichen entgegen schlägt. Und richtig machen können sie es eh nie:

    Befolgen sie brav alle Ansagen sind sie nicht zukunftsfähig, denn die Arbeitswelt wie wir sie jetzt kennen, wird es so nicht mehr geben.

    Denken sie für sich selbst, sind sie aufmüpfig und werden in der „drohenden“ Arbeitswelt gnadenlos scheitern.

    Sitzen sie brav zuhause und machen gar nichts, heißt es ihnen fehlen die sozialen Kontakte, dann sind sie in den Augen dieser Personen eh nur degenerierte, bestimmt übergewichtige weltfremde Zocker die sich vor der Realität verstecken und durch Ballerspiele zu Amokläufern werden.

    Ziehen sie mit ihren Freunden um den Block haben sie bestimmt nur Unfug im Sinn und sollten besser mal daheim sein und lernen.

    Interessieren sie sich nicht für Politik, wird ihnen das vorgeworfen. Engagieren sie sich für ein Thema, dass ihnen wichtig ist (z.B. FFF), wird ihnen erklärt, dass sie ja gar nicht in der Position sind, irgendwas wollen zu dürfen.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Annette,
      vielen Dank für deine Ergänzung zum Beitrag, die genau den Nerv trifft, den ich meine. Es ist egal, welches Thema behandelt wird, bei allen Situationen geht es ums Prinzip: Kinder und Jugendliche machen alles falsch, sind faul, verzogen und besserwisserisch…. Ich nehme mir auch vor, die Kommentare nicht zu lesen, aber sie springen doch immer wieder ins Auge :-/
      Viele Grüße
      Nadine

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  3. Danke für den Beitrag.
    Ich glaube, dass es (auch in Dresden) immer mehr Menschen gibt, die die Interessen und Bedürfnissen von Kindern ernst nehmen.

    Ich glaube, dass sich da gerade in den Kitas einiges bewegt hat. Das finde ich schön und wertvoll.

    Aber ich erlebe auch immer noch Pädagog_innen in Kita und Schule, für die „Zucht und Ordnung“ einen höheren Stellenwert hat.
    Ich fürchte, dass Gedankengut dahinter steckt uns tiefer in den Knochen, als uns lieb sein kann.

    Aber so lange es Menschen gibt, die Eltern dazu einladen, Kinder ernst zu nehmen, möchte ich den Mut nicht verlieren.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Michael, es gibt zum Glück überall Menschen, die die Interessen von Kindern ernst nehmen – vielleicht sogar mehr als zu irgendeiner Zeit zuvor. Das ist der Lichtblick 🙂 Viele Grüße, Nadine

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