Szenen aus Ost-West: Ticken wir noch anders?

DDR, BRD, Ost und West … Wie steht es um unser Deutschland mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall? Sarah schrieb auf ihrem mutter-und-sohn.blog einen Filmtipp zu „Zonenmädchen“ und regt mich mit dem Hinweis auf den Dokumentarfilm zum Nachdenken an. Die Zonenmädchen, 5 Frauen aus Ostdeutschland, hatten gerade zur Wendezeit die Schule in Dresden abgeschlossen und nun prallten für sie zwei Welten aufeinander: ihr DDR-Leben, das als beendet und veraltet galt, und die neue Welt BRD, die zwar Freiheit versprach, doch zum Teil doch recht fremd war.

Wie ging es mir 18 Jahre später, als ich Ostmädchen 2006 in den Westen zog?

Meine persönlichen Erfahrungen in Ost und West

Ich selbst bin noch in der DDR geboren, 1987, doch natürlich kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie es sich in dem Land „DDR“ gelebt hat. Als kleiner Stöpsel hörte ich von der DDR lange nur als „Erichs Zeiten“, ohne zu wissen, wer Erich eigentlich gewesen war und im Grunde schien mir das alles eher unwichtig. Wahrscheinlich ist der Wegfall ihres Geburtslandes für meine Eltern durchaus von Bedeutung gewesen, aber für mich als Kind und später als Jugendliche fühlte es sich nicht so an. Die Wiedervereinigung der zwei Länder schien keine große Sache. Alle sprachen deutsch, alle hatten – bis auf 40 Jahre – die gleiche Geschichte und viele waren sogar miteinander verwandt.

Als ich also mit 18 Jahren in den Westen zog, erst nach Bergisch Gladbach, dann nach Köln und im Anschluss nach Bonn, hatte ich Ost/West nicht wirklich auf dem Schirm. Für mich war beeindruckender, vom Dorf in die Großstadt zu ziehen als vom Osten in den Westen. Und ganz ehrlich: die Menschen in meinem Alter unterschieden sich tatsächlich nicht voneinander, egal, wo sie geboren waren.

Es gibt zahlreiche Klischees über Jammer-Ossis und Besser-Wessis, die jedoch in unserer Generation überholt sind, finde ich, wenn sie denn überhaupt jemals zugetroffen haben. Vielen Leuten, die ich kennenlernte, erzählte ich anfangs trotzdem nicht, dass ich aus Sachsen stammte. Ich hätte durchaus als Kölnerin durchgehen können, wenn ich nicht hin und wieder wegen unterschiedlicher Begrifflichkeiten nicht verstand, was das Gegenüber von mir wollte. Die Mitschüler*innen in der Berufsschule, die Kolleg*innen auf Arbeit und auch meine Lehrer*innen kamen mir nie anders vor als in der Heimat. Alles normal.

Unsere Vergangenheit – unser Unterschied

Was uns unterschied, waren die Leben in der Vergangenheit. Ich konnte mich sehr wohl noch daran erinnern:

  • wie wir keine Heizung besaßen, sondern mit Ofen und Kohle feuerten
  • wie wir kein Auto hatten, sondern Mutti zwei Kinder auf dem Fahrrad in den Kindergarten brachte
  • dass wir kein Telefon besaßen, sondern von Telefonzellen aus telefonierten oder Briefe schrieben
  • wie wir ein Plums-Klo benutzten.

Das war den Freund*innen im Westen natürlich fremd. Ich konnte ihnen übrigens leicht einen Bären aufbinden, denn ihre Vorstellung von „Ostdeutschland“ war … vage. Erzählte ich den größten Unsinn, z.B. dass wir im Osten noch immer kein fließendes Wasser haben, wurde das sofort geglaubt. Ich fürchte, für viele Wessis ist Ostdeutschland noch immer eine groooooooße Unbekannte.

„Hausfrauen gibt es also wirklich?“

Wenn du im Osten aufgewachsen bist, dann hat deine Mutti mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit gearbeitet. Mit dieser Normalität im Rucksack besuchte ich nun meine Freundinnen und Freunde im Westen zu Hause und da stolperte ich über ein neues Konzept, das für mich gar nicht zu einer normalen Familie passte: die „Hausfrau“. Damals hätte ich Hausfrauen reichen Familien zugeordnet, in denen das Gehalt des wohlhabenden Mannes zum Leben für die ganze Familie ausreichte, doch im Westen waren alle Gesellschaftsschichten von „Hausfrauen“ betroffen. Selbst wenn der Mann sehr wenig verdiente, gab es zu Hause oft eine Hausfrau …

Und so kam es dann auch, als wir alle älter wurden und in eine neue Lebensphase eintraten, in der wir Kinder bekamen, dass unsere Ansichten auseinandergingen. Wir wurden also Eltern. Während meine Ost-Freund*innen mit einem Jahr ihre Kinder in die KiTa brachten und weiter arbeiten gingen (Vollzeit), war die Meinung zur „richtigen Fremdbetreuung“ bei den West-Freund*innen gemischt. Es stand für sie eine große Unsicherheit im Raum: Wann soll ich das Kind in den Kindergarten „stecken“? Wie viel kann ich dann arbeiten? Wie viel Fremdbetreuung ist okay? Braucht das Kind nicht rund um die Uhr seine Mutter? Zumindest die ersten 2 oder 3 Jahre?

Auch die Strukturen im Westen sind gänzlich andere als im Osten und zum Teil sehr viel elternUNfreundlicher. Zwar zahlen wir in Dresden weniger KiTa-Gebühren als damals in Bonn, doch hatten wir im Westen auch mit großen Hürden zu kämpfen: unsere KiTa betreute nur von 7:30 bis 14:30 Uhr (Wie hätte man da Vollzeit arbeiten sollen?) und war viele Wochen im Jahr komplett geschlossen! Im Osten hingegen sind Öffnungszeiten zwischen 6:00 und 18:00 Uhr Normalität und die Eltern müssen in unserer KiTa nur 3 Schließtage im Jahr einplanen.

Diese Strukturen blockieren West-Eltern beruflich und machen ihnen ein schlechtes Gewissen. Die Denkweise dahinter scheint noch immer: die Kinder gehören zur Mutter! Fremdbetreuung ist böse! Wenn überhaupt, dann sollte eine Mutter nur halbtags arbeiten! Aber erst, wenn das Kind 2 oder 3 Jahre alt ist! …

Dabei habe ich persönlich im Westen sehr schöne und tolle Kinderbetreuungs-Einrichtungen kennenlernen dürfen.

Herrscht im Osten mehr Gleichberechtigung?

Es ist natürlich trügerisch von der Berufstätigkeit der Mütter auf die Gleichberechtigung in Familien zu schließen. Zu DDR-Zeiten waren Frauen trotz der Berufstätigkeit zum Großteil für die Kindererziehung und den Haushalt allein zuständig und hatten im Grunde einfach noch mehr Arbeit.

Die Zeiten haben sich inzwischen in Ost und West gleichermaßen gewandelt. In meiner Generation sehe ich viele Papas, die mit ihrem kranken Kind zu Hause bleiben und mit Tragetuch über den Spielplatz kraxeln, um den Rabauken Nummer 2 nicht aus dem Blick zu verlieren. Wie viel Haushaltsarbeit von den Papas getragen wird, kann ich nicht beurteilen. Bei uns zu Hause ist vieles nahezu 50:50 verteilt. Ich bin definitiv keine „Super-Mum“, die alles allein schaffen könnte und schaffen möchte. Zum Glück lebe ich heute und zum Glück muss ich keine „Hausfrau“ sein (andererseits: dazu würden mir auch die finanziellen Mittel fehlen).

Der Großteil des Mental Load hängt schon an mir:

  • Wer kommt zum Kindergeburtstag?
  • Wann müssen wir zum Zahnarzt?
  • Welche Schuhgröße hat Maxi?
  • Wann sollten wir neue Stiefel kaufen?
  • usw.

Andererseits stemmte mein Mann immerhin 3 Jahre Elternzeit und erledigt selbstverständlich sehr viel im Haushalt. Letzte Woche bastelte er mit unserer Mini die Einladungskarten für den Kindergeburtstag, heute versorgt er drei kranke Familienmitglieder, weil wir von einer Erkältung niedergesteckt wurden … Ich kann mir gar nicht vorstellen, all diese Aufgaben allein erledigen zu müssen. Wir sind ein gutes Team.

Von beiden Seiten das Beste auswählen

Auch von anderen Familien – übrigens in Ost und West – sehe ich dieses gute Teamplay. Längst arbeiten auch Frauen im Westen mehr und eher, längst reduzieren auch Frauen und Männer im Osten eher ihre Arbeitszeit, um mehr Familienzeit zu haben. Überall schmeißt auch Papa die Waschmaschine an. Statistiken sagen noch immer etwas anderes, aber in meiner persönlichen Bubble fühlt es sich schon nach einer positiven Entwicklung an, die in Ost und West greift.

Und damit schreibe ich ganz bewusst, in Ost UND West. Auch der Osten hat nicht das Monopol auf funktionierende Elternschaft. Auch wir Ossis können uns eine Scheibe vom Westen abschneiden, vielleicht mal schauen, was am Konzept von „Hausfrau“/“Hausmann“ auch positives dran ist – und am Ende vielleicht weniger arbeiten? Wir denken ja immer, 40 Stunden müssen sein, doch immer mehr Menschen hinterfragen dieses Mindset. Zurecht, wie ich finde.

Was meinst du: Was können Ossis von Wessis und Wessis von Ossis lernen?

deine

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5 Kommentare zu „Szenen aus Ost-West: Ticken wir noch anders?

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  1. Hallo Nadine!
    Gern habe ich von deinen Beobachtungen und Erfahrungen gelesen, die sich mit meinen decken. Ich bin gebürtige Ostdeutsche, war 17 zum Mauerfall, und lebe seit 2001 in Italien. Ich habe hier eine westdeutsche Freundin. Gleiches Alter, gleiche Konstellation: italienischer Mann, zwei Kinder im gleichen Alter. Ich arbeite, sie ist Hausfrau. Und so gut wir uns verstehen, an diesem Punkt wird es kritisch. Ich hatte so manches Mal das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, obwohl sie zugibt, dass sie mich eigentlich beneidet. Auch ich erkläre es mir damit, dass wir durch unsere Herkunft vollkommen gegensätzlich geprägt sind. Das Konzept Hausfrau gab und gibt es für mich nicht. Ich würde mich „arbeitslos“ fühlen. Und ich kann, beim besten Willen nicht, über meinen Schatten springen und mich in finanzielle Abhängigkeit begeben, oder anders gesagt, das wirtschaftliche Wohl der Familie und die gesamte Zukunft auf eine Karte, den Verdienst des Mannes, setzen. Geht nicht, da bin ich blockiert. Das ist eindeutig ostdeutsch, unsere Welt war so. Womit ich mich aber mittlerweile, auch da sehe ich Parallelen in deinem Text, anfreunden kann, ist das Konzept Teilzeit. Wenn man es sich leisten kann, kann man so auch der Familie besser gerecht werden und fühlt sich insgesamt ausgeglichener, entspannter. Arbeitsteilung im Haushalt ist auch ein Muss. Zum Glück ist mein Mann eher ein untypischer Italiener, wir sind voll auf einer Linie. Mein Mann kocht mittlerweile besser (und mit mehr Leidenschaft) als ich. Perfetto!
    Liebe Grüße ins „Elbflorenz“ :-), Anke

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deinen tollen Kommentar. Ich musste eben darüber nachdenken, ob ich mir theoretisch ein Hausfrauen-Dasein vorstellen könnte und komme zu dem gleichen Ergebnis wie du: Nein, überraschender Weise nicht. So sind wir „Ossis“ wahrscheinlich einfach nicht aufgewachsen; das scheint keine „sinnvolle“ Option für unser Leben, kein Modell, das ich ernsthaft erwägen könnte. Zumindest nicht, so lange es an den Verdienst des Mannes gekoppelt ist. Würde mich unerwarteter Reichtum überraschen und ich wäre finanziell frei, weil ich von den Zinsen eines Vermögens mein Leben bestreiten könnte, sähe das anders aus. So aber hätte ich das Gefühl, mein Leben nicht „unter Kontrolle“ zu haben, wenn alles an einem Verdienst hängt bzw. wenn es nicht an meinem eigenen Verdienst hängt.

      Gefällt 1 Person

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