Nicht-Stillen ist auch okay

Vorweg: Ja, Stillen ist eine sinnvolle Sache und wer immer stillen kann und möchte, soll es unbedingt tun. Eben habe ich allerdings einen Artikel gelesen, der hieß: „Vorteile des Stillens: 7 gute Gründe, eurem Baby die Brust zu geben“ und ich frage mich: Braucht es solche Artikel wirklich? Verkennen wir damit nicht gleichzeitig den Stress und die Konflikte, die Stillen auch bedeuten kann? Ich fürchte nämlich, wir vergessen dabei diejenigen Mütter, die nicht stillen.

Warum eigentlich machen wir Müttern Gewissensbisse, die ihre Brust nicht geben (wollen)?

Gründe fürs Nicht-Stillen könnten sein:

  • Weil das Stillen schmerzt.
  • Weil sich Frauen beim Stillen unwohl fühlen können.
  • Weil sie es körperlich und psychisch anstrengend finden.
  • Weil sie das Gefühl haben, das Baby wird nicht satt.
  • Weil sie das Gefühl haben, keine Milch zu haben.
  • Weil die Mutter krank ist.
  • Weil die Mutter raucht, trinkt, etc.
  • Weil die Mutter arbeitet und das Stillen zeitlich nicht passt.
  • Usw.

Wichtig: Die meisten dieser Gründe zwingen euch nicht, mit dem Stillen aufzuhören. So kommen Schmerzen in der Regel durch falsches Anlegen an die Brust. Rauchen sowie Trinken werden inzwischen auch relativiert: auch Raucherinnen dürfen wohl stillen, sogar Alkohol sei okay. Seid ihr krank? Ihr dürft trotzdem die Brust geben. Wollt ihr dem Stillen also gern noch eine Chance geben, empfehle ich euch eine STILLBERATUNG (hier geht es zu einer Liste von Stillberatungen in Dresden) – diese wird euch unterstützen und Falschinformationen in Bezug aufs Stillen richtig stellen.

Aber weiter im Text. Wusstest du: in Deutschland stillt jede vierte Frau NICHT (direkt nach der Geburt) und 4 Monate nach der Geburt stillen nur noch 56 % der Mütter voll. Diese Zahlen habe ich aus der Pressemitteilung der Stiftung Kindergesundheit, die sich auf die „Studie zur Erhebung von Daten zum Stillen und zur Säuglingsernährung in Deutschland“ bezieht.

Auch nice to know: wahrscheinlich gab es schon immer Mütter, die nicht gestillt haben – weit vor der ersten Pre-Milch. Im Mittelalter beispielsweise griff man in solchen Fällen neben menschlichen Ammen auch auf Tierammen wie Ziegen oder Esel zurück, so Jule Friedrich im Buch „Hebammenkunde“. (Was für die Gesundheit der Kinder allerdings fatal war und leider oft tödlich endete.)

Die Frage ist doch: Wenn so viele Mütter nicht stillen, …

… warum kann man Pre-Milch nicht inzwischen als alternative Möglichkeit anerkennen? Wenn Mütter mit dem Stillen überfordert sind, der Vorgang schmerzhaft ist oder das Baby hungrig schreit und jedes Stillen zum Kampf wird, warum bleiben Menschen dabei zu sagen: TROTZDEM. Stille trotzdem!

Oder um einen Facebook-Kommentar zu zitieren: „Schön, dass man es toll findet, seinen Säugling zu verstoßen.“ Holla die Waldfee! Als würde man das Baby anstelle von Muttermilch mit Cola füttern, dabei haben wir heute gesunde Unterstützung in Form von Pre-Milch, die das Leben leichter machen kann, wenn Stillen doch nicht das Beste ist. Und individuell ist es nicht immer das Beste für eine Familie – siehe oben.

Stillen oder Nicht-Stillen ist allein Sache von Mutter und Kind.

Was ich mit diesem Gegenartikel sagen will: es gibt zwei Optionen, sein Baby zu ernähren: Stillen und Pre-Milch. Und auch Nicht-Stillen ist okay. Ich selbst habe gern gestillt und fand es praktisch. Auch denke ich, dass wir Mamis unterstützen sollten, die Herausforderungen beim Stillen haben, aber trotzdem stillen möchten. Auf der anderen Seite steht die Akzeptanz für eine andere Entscheidung, wenn Eltern ihr Kind anders versorgen.

Lange Einleitung, sorry. Jetzt kommen wir zu den 7 Punkten des Artikels, über die ich mit euch reden wollte. Lasst uns doch einmal die Liste genauer unter die Lupe nehmen.

1. Bindung entsteht auch ohne Stillen.

Geborgenheit durch den Körperkontakt beim Stillen ist schön, aber nicht exklusiv. Wir sind unserem Baby auch extrem nah …

  • beim Kuscheln
  • beim Tragen
  • beim Schlafen auf Papas Brust
  • bei einer Babymassage
  • beim im Arm halten
  • beim Streicheln
  • beim Spielen
  • beim Füttern mit dem Fläschchen

Das ist auch die gute Nachricht für Papas: die Eltern-Kind-Bindung entsteht nicht nur durch das Stillen, sondern durch insgesamt viel Körperkontakt wird das sogenannte Bonding gefördert. So mancher kleine Tragling hat rund um die Uhr Körperkontakt mit Mama und Papa, weil es in ihren Armen liegt.

2. Stillen hält gesund

Mythen rund ums Stillen besagen, dass Muttermilch ungesund wird, wenn beispielsweise Nikotin, Alkohol oder andere Schad- oder Giftstoffe ans Baby weitergegen werden. Nach aktuellem Wissensstand ist das aber gar nicht korrekt. Auch bei gewissen Infektionskrankheiten der Mutter wird vom Stillen abgeraten, allerdings gibt es auch hier immer wieder neue wissenschaftliche Erkenntnisse: so weiß man heute zum Beispiel, dass auch Stillen mit HIV möglich ist.

Darüber hinaus sind Stillende aber durchaus auf der sicheren Seite, denn das Baby wird super versorgt: es erhält alle notwendigen Vitaminen und Mineralstoffen und zudem Stoffe, die antibakteriell, entzündungshemmend und immunmodulierend wirken. So werden gestillte Babys tatsächlich seltener krank. Bei Quarks heißt es sogar: Infekte sinken um 40 bis 70 %, wenn Babys sechs Monate lang voll gestillt werden. Andererseits lässt sich bisher nicht feststellen, dass Stillen gegen Allergien helfe.

Das Gute ist: Flaschenmilch wird auch immer besser. Erst letztes Jahr wurde ein EU-Gesetz für Säuglingsnahrung erlassen, dass eine höhere Dosis DHA vorschreibt, eine mehrfach ungesättigte Fettsäure. Diese Fettsäuren dienen der Entwicklung des Gehirns und des Sehvermögens. Darüber hinaus profieren laut Pre-Nahrung Test und Vergleich 2021 Babys von diesen wichtigen Inhaltsstoffen:

  • Lactose
  • Öl (Palmöl, Rapsöl, Sonnenblumenöl, Teilweise auch Kokosöl)
  • Calcium – zum Beispiel als Carbonat
  • L-Tyrosin
  • Kalium als Chlorid oder Citrat
  • Natriumchlorid und/oder -jodid
  • Eisen- und Zinksulfat
  • Niacin
  • Magnesiumcarbonat
  • Folsäure
  • Mangansulfat
  • Kupfersulfat
  • Vitamine: A, B1, B2, B6, B12, C, D, E, K

Grundsätzlich hat die Qualität unserer Säuglingsnahrung hier in Deutschland ein hohes Niveau, das strengen Gesetzen unterliegt. Trotzdem gilt: am gesündesten ist nach aktuellem Wissenstand die Muttermilch.

4. Stillen macht vielleicht schlauer

Meine eigene Hebamme warf gern Zahlen in den Raum wie „Menschen, die gestillt wurden, sind 30 % intelligenter“. Auf diese irrsinnige Zahl hin sagte ich damals zu meinem Mann: „Ach Mensch, wenn ich gestillt worden wäre, hätte ich jetzt wahrscheinlich schon meinen Masterabschluss!“ Tatsächlich habe ich diese Behauptung später einmal zu verifizieren versucht und es zeigte sich: tatsächlich wurde in mehreren Studien ein Einfluss auf den Intelligenz-Quotienten gefunden. Das Ärzteblatt schreibt: „Ein WHO-Gutachten schätzt, dass gestillte Kinder später einen im Durchschnitt um 3,5 Punkte höheren IQ haben.“

Hier bin ich allerdings sehr kritisch, weil Stillen nicht der einzige Einflussfaktor auf Intelligenz ist. Mütter aus gebildeteren Schichten, so heißt es im Ärzteblatt weiter, stillen auch häufiger. Aber sind die Kinder dieser Mütter dann nicht auch intelligenter, weil sie besser gefördert werden, Zugang zu Bildung haben, die Intelligenz erben, etc.?

Intelligenz beim Baby förderst du durch:

  • Beschäftigung mit dem Kind (Spielen, Reden)
  • Singen
  • Erzählen/Erklären, was du machst
  • Ausschalten des Fernsehers
  • Ruhepausen im Alltag
  • Aufenthalt und Bewegung im Freien
  • Vorlesen
  • Kuscheln und Nähe allgemein

(Meinen Masterabschluss übrigens, den habe ich als ungestillter Mensch trotzdem noch absolvieren können.)

5. Nicht-Stillen kann praktisch sein

Ja, es spart echt viel Geld zu stillen und Muttermilch hat immer die richtige Temperatur. Für so manche Mama ist es allerdings gar nicht so praktisch, wie man meint, dann zum Beispiel wenn das Kind im Bus oder Café hungrig wird und sie sich auspacken muss, Kind irgendwie an die Brust halten, vielleicht ein Stillhütchen platzieren, vielleicht überschüssige Milch mit einem Tuch auffangen. Und dass der Papa in dieser Situation übernimmt, weil man gerade echt unbequem sitzt oder Kopfschmerzen hat oder das Baby die Brust hungrig anschreit, ohne zu trinken, das geht meistens auch nicht.

Anfangs dachte ich auch: Wahnsinn, was man alles mitnehmen muss. Flasche, Pulver, heißes und kaltes Wasser. Aber die Eltern, die ich kenne und die ihren Kindern die Flasche gegeben haben, hatten schnell eine angenehme Routine drin. Sie schleppten unterwegs viel mit, aber sie konnten sich abwechseln und fühlten sich nicht mehr so gestresst. Für sich wiederum fühlte sich Nicht-Stillen praktischer an.

6. Stillen macht nicht automatisch gelassen

Stillen kann schön sein. Es kann aber auch viel Zeit fressen und Mamas an ihre Grenzen bringen, wenn es nicht perfekt klappt, die Milch das T-Shirt durchnässt oder das Minimenschlein jede Stunde nach mehr Milch verlangt. Wenn das Baby noch dazu die Flasche komplett verweigert und Mama 2 Jahre lang eine Milchbar ohne Schließzeiten ist, kann das auch stressen. Eine Freundin von mir vermisste die abendlichen Runden mit Freunden – jeder Versuch endete in einem Anruf: „Komm schnell nach Hause. Er schreit!“

7. Stillen schafft kleine Gourmets – oder doch nicht?

Man erzähle diese Weisheit meiner Tochter, gut gestillt. Sie ernährt sich von Nudeln (ohne Soße!), Toast (nur mit dem einen Belag!) und Pizza (Magarita!). Hinzu kommt noch Rohkost, immerhin. Aber es bleibt dabei, dass die Lebensmittel, die man ihr anbieten kann, alles in allem sehr überschaubar sind. Ein kleiner Gourmet ist sie mit ihren 7 Jahren noch nicht.

Man sagt, dass Muttermilch immer ein bisschen anders schmecke, je nachdem, was Mami gegessen hat. So bilde sich ein besserer Geschmackssinn bei Stillkindern aus. Dazu habe ich allerdings keine Belege gefunden und denke, Essen ist grundsätzlich ein höchst individuelles Thema, dass nicht (nur) vom Stillen geprägt wird. Häufig berichten übrigens Eltern, die stillen, dass ihre Babys sehr schlechte Esser seien. Das ist aber kein Grund zu Sorge, sondern kann sich auch noch ändern.

Gerade im Babyalter experimentieren die Kleinen gerne mit dem Essen, kosten, fühlen und spucken auch wieder aus. Hierbei hat der Geschmackssinn mehr Chancen, sich zu entfalten als durch minimale Geschmacksvariationen der Muttermilch. Gekostet habe ich allerdings nie. Man belehre mich eines Besseren.

Fazit: Nicht-Stillen ist auch okay

Nach aktuellem Kenntnisstand kann man durchaus sagen: Stillen ist das Beste. Dies beruht vor allem auf den gesunden Inhaltsstoffen der Muttermilch, die zum Beispiel vor Infektionen schützen. Alles in allem ist aber auch Pre-Milch eine gute Alternative, die ebenfalls positive Effekte mit sich bringen kann wie:

  • mentale Gesundheit der Mutter
  • mögliche Arbeitsteilung beim Stillen mit dem Papa
  • keine Brust-Schmerzen
  • weniger Sorgen um das Kind, weil Stillen ein Kampf ist
  • weniger körperliche Anstrengung

Letztlich bin ich der Überzeugung, dass du durch viel Nähe und eine gezielte Förderung (siehe 4.) viele Effekte, die dem Stillen zugeschrieben werden, auch deinem kleinen Flaschenkind mit auf den Weg geben kannst.

Finde den besten Weg für dich und dein Baby. Auch Nicht-Stillen ist okay.

Viele Grüße

eure

Schriftzug Dresden Mutti

Liste für Stillberatungen in Dresden

Diese Liste wird fortlaufend erweitert.

Leona Weigelt
E-Mail: kontakt@einfach-familie-dresden.de
Tel: +49 (0) 351 27501187
www.einfach-familie-dresden.de 

„Einfach Familie Dresden. Wir sind Frauen aus Dresden, die als Beraterinnen und Kursleiterinnen arbeiten und persönlich eine bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft leben.“

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